STÄDTE FÜR MENSCHEN

pfeil.JPG Seit mehr als 40 Jahren befasst sich der Architekt und Stadtplaner Jan Gehl damit, Plätze, Straßen, ja ganze Stadtviertel zum Wohle der Bewohner neu oder umzugestalten. Er stützt sich dabei auf Erkenntnisse, die er durch langjährige Untersuchungen von Großstadtsituationen in verschiedenen Ländern gewonnen hat.

Indem Gehl selbst Millionenstädte kleinmaßstäblich und im Detail betrachtet, entwickelt er Mittel und Wege, dysfunktionale und unwirtliche Stadtlandschaften entscheidend zu verändern. Dabei finden demografische Entwicklungen und sich wandelnde Lebensstile ebenso Berücksichtigung wie gestalterische Prozesse. Wichtigster Grundsatz für Jan Gehls Stadtplanung nach menschlichem Maß: Der Stadtraum muss mit der Geschwindigkeit eines Fußgängers erlebt werden statt aus einem Fahrzeug heraus. Nur so kann es gelingen, sowohl traditionelle Metropolen wie die schnell wachsenden Städte von Entwicklungs- und Schwellenländern zu Städten für Menschen zu machen. Das Buch präsentiert Jan Gehls Arbeit im Bereich Neubau sowie der Umgestaltung städtischer Räume und Verkehrsflächen. Darstellungen seiner Planungsmodelle in Text und Bildern sowie Planungsprinzipien und Methoden veranschaulichen, wie einfach lebendige, sichere, nachhaltige und gesunde Städte in Zukunft entstehen können.

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Buchcover: „Städte für Menschen“ von Jan Gehl

„WIR SOLLTEN STÄDTE FÜR MENSCHEN MACHEN“ – INTERVIEW MIT DEM DÄNISCHEN ARCHITEKTEN JAN GEHL

Deutschland macht sich 2016 Gedanken um die Stadt der Zukunft, der dänische Architekt Jan Gehl plant sie auf der ganzen Welt. Städte müssten „sauber machen nach der Autoinvasion“, sagt Gehl. Er gilt als einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt. Unter anderem hat er in Kopenhagen, New York und Schanghai gearbeitet und jetzt das Buch „Städte für Menschen“ veröffentlicht.

Herr Gehl, das Wissenschaftsjahr 2015 in Deutschland ist der Stadt der Zukunft gewidmet – ist das überhaupt eine europäische Frage oder eher eine asiatische?

Jan Gehl: Sicher sind die Probleme in den sich wenig verändernden europäischen Städten anders als in den schnell wachsenden Städten Asiens oder Südamerikas und Afrikas. Doch ein Problem müssen alle angehen: die Mobilität.

Das heißt?

Die gute alte Los-Angeles-Technik, jedes Individuum bekommt vier Reifen, ist von gestern. Wenn weltweit immer mehr Menschen in Städten leben, müssen wir den Verkehr anders organisieren. Es muss künftig möglich sein, zu Fuß oder mit dem Rad zu fahren und dann den Zug oder die Straßenbahn zu nehmen.

In China wird alle zwei Jahre der Gebäudebestand Deutschlands neu gebaut, dort mag das gehen. In Deutschland bringen Sie Politiker in Probleme, denn sie müssten Autofahrern Platz wegnehmen. Wie sollen Sie das machen?

Das beste Beispiel ist Kopenhagen. Dort fahren schon heute 41 Prozent aller Einwohner mit dem Rad zur Arbeit. Die Infrastruktur ist über 50 Jahre lang immer weiter verbessert worden. Dänemark hat keine Autoproduzenten, das macht es womöglich einfacher. Doch geht es um eine Einladung: Laden Sie Leute ein, Auto zu fahren, weil sie mehr Straßen bauen, dann bekommen Sie mehr Autos. Laden Sie Leute ein, mehr Rad zu fahren und entwickeln das System, bekommen Sie mehr Räder. Das gilt auch für Fußgänger, wenn Sie schöne Plätze für sie schaffen.

Muss das Parken teurer werden?

Es gibt viele Wege. Sie können auch Benzin teurer machen oder mehr Steuern auf Autos erheben, so dass es attraktiver wird, Busse und Bahnen zu nutzen. Wir sollten uns jedenfalls darauf konzentrieren, Städte für Menschen zu machen anstatt für Autos. Dahinter steckt, dass wir zum einen etwas gegen die Treibhausgasemissionen tun müssen und zum anderen etwas für die eigene Gesundheit.

Gesundheit?

Der Mensch ist gemacht als ein laufendes Wesen. In den letzten 50 Jahren haben wir eine Stadtplanung ersonnen, sodass jeder ganz leicht den Tag sitzend verbringen kann, im Auto, vor dem Computer im Büro oder Zuhause. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nun, alle Städte so zu planen, dass die Menschen natürlicherweise spazieren oder Rad fahren, also jeden Tag ihre eigenen Muskeln benutzen. Städte werden lebendiger, interessanter, freundlicher, sicherer, gesünder, wenn Menschen so unterwegs sind und öffentliche Plätze nutzen.

Welche Stadt ist ihre Lieblingsstadt und heute schon ein Modell für morgen?

Man kann immer Venedig sagen, aber das ist etwas zu billig. Auf der Liste der lebenswertesten Städte stehen Kopenhagen und das australische Melbourne ganz oben. Die Veränderungen, die New York in den letzten zehn Jahren gemacht hat, ist inspiriert von Kopenhagen mit seiner Priorität für das öffentliche Leben. Aber auch Curitiba in Brasilien und Bogota sowie Medellin in Kolumbien haben viel für den öffentlichen Verkehr getan. Ich nenne das Saubermachen nach der Autoinvasion.

Jeder will öffentliches Leben – und dann kommt der Krach. Der Biergarten ist zu laut, der Kindergarten in der Nachbarschaft stört. Wie lassen sich diese Interessenkonflikte lösen?

Wenn Sie nur Cappuccino servieren, wird es kein Problem geben. Aber im Ernst: Dort, wo viele Menschen zusammen leben, hat es immer schon Konflikte gegeben. Aber es lässt sich viel tun, um den Ärger zu mindern. Sie können etwa regeln, dass Cafés nicht die ganze Nacht geöffnet sind.

Zeichnen sich internationale Tendenzen der Stadtentwicklung ab?

Die Haushalte werden immer kleiner, auf einem Quadratmeter leben weniger Menschen. Für ein urbanes Gefühl brauchen Sie aber eine bestimmte Dichte. Das heißt nicht, dass wir Skyscraper bauen. Sie verändern die Luftströme, lassen Städte etwa an der holländischen, norddeutschen oder englischen Küste zugiger werden. San Francisco hat vor zwanzig Jahren seine Bürger gefragt: Wollen Sie mehr Wind in der Stadt und weniger Sonne? Alle sagten Nein. Das war das Ende der Hochhäuser.

Dann bleibt nur Platz für Reiche?

Für mich gibt es die sinnlose und die sensible Dichte. Paris oder Barcelona haben eine hohe Einwohnerdichte, obwohl keine Türme entlang der Boulevards stehen. Dafür muss ein Architekt nur mehr arbeiten. Aber er sollte es tun. Denn oberhalb etwa der fünften Etage sind Bewohner kein Teil mehr der Stadt, sondern Teil der Flugzeugsystems. Jeder sollte aus seinem Wohnzimmerfenster noch sehen können, was draußen auf den Plätzen passiert, damit es einen Kontakt zur Gesellschaft gibt.

Wird sich der soziale Wohnungsbau in der Zukunft entwickeln?

Das ist eine Frage der Politik. Gibt es einen Willen, ist das leicht zu machen. In den Niederlanden muss es zum Beispiel in jedem neu geplanten Block Sozialwohnungen und eine Mischung der Nutzung geben. In Kopenhagen gibt es ähnliche Regeln.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung der Welt – und das Shoppen im Internet?

Immer weniger Leute gehen in die Geschäfte, dafür fahren mehr Paketdienste durch die Straße. Allerdings entspricht es nicht dem sozialen Wesen des Menschen, wenn jeder in seinem Haus sitzt und nur mit seinem Computer spricht. Meine Erfahrung ist – ich habe mich viel mit Straßen, Plätzen und Cappuccinokultur beschäftigt – dass das öffentliche Leben umso mehr interessiert, je kleiner unsere Familien werden.

Wird das alles reichen, um Städte CO2-neutral zu machen?

Kopenhagen wird in diesem Jahr klimaneutral sein.

Was wird der Bau der Zukunftsstadt kosten?

Das Programm, das ich vorschlage, ist vermutlich das Billigste. Wir tun etwas für Radfahrer und Fußgänger. Das heißt: Wir gucken weniger auf Technik, sondern darauf, wer in den Städten lebt – nämlich Homo Sapiens.

pfeil.JPG Quelle: http://www.nachhaltigkeitsrat.de/index.php?id=8898

 

Kategorien:#MOBILEZUKUNFT

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